Grosses Terroir für grosse Pinots Noirs

Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Ligerz entstanden die frühesten mensch­lichen Siedlungen im Kanton Bern. Immer wieder finden sich bei Bauarbeiten Überreste Rund um Twann gibt es einige geologisch hervorragend für anspruchsvollen Weinbau geeignete Parzellen. Gerade im östlichen Ortsteil Wingreis liegen Terroirs für Lagenweine ganz erstaunlicher Qualität. Die bekannteste davon ist der Vogelsang, dessen Boden Pinots Noirs hervorbringt, die wesentlich zum Erfolg der Lagenweine vom Bielersee beigetragen haben.

Im Mittelalter war es gängig, Flurnamen nach Tieren zu benennen, wenn diese einen speziellen Bezug dazu hatten. In der Region gab es also «Wolfreben», einen «Bärenacker», «Rehflühli» und viele weitere Bezeichnungen mit diesem Ursprung. Während sich die Rebleute zwar ungern mit Bären und Füchsen herumplagten, waren die Vögel allerdings wirtschaftlich die wesentlich schlimmere Gefahr. Der «Vogelsang» zu Wingreis, dieser Weiler der Gemeinde Twann, ist eine der besten Reblagen in der gesamten Region. Dies führte seit jeher zu den süssesten Trauben, den meisten und glücklichsten Vögeln und damit auch zum Namen.

Gleich unterhalb der massiven und steilen Kalkfelsen erstreckt sich der Vogelsang hoch über dem See bis zum Rebweg, der in etwa in der Mitte des Hangs nach Twann führt. Über diese Felsen, die bis hoch hinauf nach Gaicht reichen, strömen in der Nacht kühle Winde vom Jura herunter und führen dazu, dass die Weine ihre Aromatik und Frische bewahren. Die Böden sind stark kalkhaltig und auch die Sonnenexposition geradezu ideal für grosse Pinots Noirs. Der alte Rebbestand wurzelt tief im felsigen Untergrund und muss dem Boden Wasser und Nährstoffe abringen. Dieses Mikroklima ist der Grund, weshalb die Weine so gut strukturiert, mit kräftigen und gleichzeitig feinen Tanninen ausgestattet sind. Dazu sind sie sehr komplex in der Aromatik.

Obwohl die Geschichte des Vogelsangs weit zurückreicht, ist es keine direkte Linie, die zu den heutigen Weinen führt. Denn seit der Mitte des letzten Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende wurden auch aus diesem hervorragenden Terroir weitgehend einfache Alltagsweine hergestellt. Der Anbau war, wie damals üblich, auf Ertrag ausgerichtet. Die daraus entstandenen Weine wiesen kaum noch einen eigenständigen Charakter auf und so gerieten die Eigenheiten des Terroirs für mehrere Generationen langsam, aber stetig in Vergessenheit. Erst mit einer neuen Generation von Winzern, welche die elterlichen Betriebe Ende der 1990er Jahre übernahmen, wurde der Terroir-Gedanke am Bielersee langsam wieder zum Thema.

So zog es den Wingreiser Jungwinzer Andreas Krebs nach seiner Ausbildung in Wädenswil in seinen Lehr- und Wanderjahren zu einem Weinbaubetrieb, der sich weltweit einen Namen mit seinen Lagenweinen ge­macht hat: Die Familie Knoll in der öster­reichischen Wachau baut ihre Grünen Veltliner und Rieslinge ausschliesslich nach Lagen gesondert aus und arbeitet dabei den Charakter der Terroirs heraus wie kaum ein anderer Produzent. Dort verbrachte Andreas Krebs ein Jahr, arbeitete mit und steckte sich endgültig mit dem Terroir-Virus an. Zu dieser Zeit grübelte auch Thomas Gromann, passionierter Weinsammler und Weinsen­so­riker, an einer Idee, aus den grossen Lagen des Bielersees einen Terroirwein zu produzieren, der sich mehr an den von ihm so geliebten Burgundern orientieren sollte als an den aktuellen Produkten der Bieler Pro­duzenten. Krebs und Gromann, seit langem befreundet, teilten ihre Gedanken und begannen sie weiterzuspinnen, bis die Idee eines Lagenweins aus dem Vogelsang irgendwann im Jahr 2008 geboren wurde. Fortan arbeiteten die beiden daran und im Jahr 2010 wurde aus einer der besten Parzellen der erste Wein gekeltert. Fünf Jahre später wurden die Jahrgänge 2010 und 2011 erstmals in hochkarätigen Blinddegustationen vorgestellt, wo sie für Furore sorgten. Seit­her sind die wenigen Flaschen, welche für Gromann & Söhne von Andreas Krebs hergestellt werden, jedes Jahr innert kurzer Zeit vergriffen.


«Die Böden sind stark kalkhaltig und auch die Sonnenexposition geradezu ideal für grosse Pinots Noirs.»

Dieser Paukenschlag war wie eine Initialzündung für den grossen Erfolg der Lagenweine vom Bielersee. Zusammen mit Sabine Steiner aus Schernelz, die mit ihren Lagenweinen aus Pinot Noir, Chasselas, Chardon­nay und Sauvignon Blanc schon lange einen ähnlichen Weg beschritten hatte, tauchte der Bielersee innert kurzer Zeit wieder auf: auf den Weinkarten der Spitzengastronomie, in den Weinkellern von Sammlern, der Fach­­presse und in Auktions­katalogen. Und so singen die Spatzen heute wieder das Lied vom Wein aus dem Vogelsang, lauter denn je!

Die Lagenweine 2015 aus dem Vogelsang


ALTE REBEN 2015,
Weingut Krebs & Steiner


Herrliche Nase mit feinen und kühlen Aromen von roten Früchten und Kräutern. Sehr eleganter Gaumen mit schöner Balance von Säure und Tanninen. Der Wein ist noch sehr lebendig und entwickelt sich nach dem Öffnen während einer Stunde im Glas ständig weiter. Er zeigt wunderbar die mineralische Seite seines Terroirs auf.

Trinkempfehlung: 2022 – 2030


LE PETIT PINOT 2015,
Gromann & Söhne


Jetzt in einem wunderschönen Trinkfenster. Sauerkirschen, Brombeeren, Kräuter und Gewürze im prachtvollen Bouquet. Im Gau­men ein Wechselspiel von saftigen Früchten, Tabak und getrockneten Kräutern. Fein mine­ralisch, sehr saftig und mit langem Abgang.

Trinkempfehlung: 2022 – 2030


VOGELSANG VIEILLES VIGNES 2015,
Gromann & Söhne


In der Nase immer noch viel rote Früchte, feine Gewürztöne und Kräuter. Die herrliche Fülle im Mund wird durch eine lange tragende Säure und eine deutliche Mineralik begleitet, die Tannine sind fein und trotzdem zupackend. Alles ist in Balance, ist genau dort, wo es hingehört. Der Wein zeigt nach seiner ungestümen Jugendphase erstmals, was er wirklich kann, und hat noch eine grosse Zukunft vor sich.

Trinkempfehlung: 2022 – 2035